Alphubel via Rotgrat

Eigentlich wollten Jeannine und ich das Obergabelhorn überschreiten, doch die erneuten Schneefälle mitten im Juli machten diesen Plan zu nichte. Zu gefährlich erschien uns die Querung zur Wellenkuppe bei soviel Neuschnee. Also suchten wir mal in unseren Köpfen nach neuen Plänen. Und da war doch noch was von letztem August, der Alphubel Rotgrat. ZS+ mit 4a Kletterstellen, 6-8 Stunden auf den Gipfel, aber ein Südgrat, da hats doch bestimmt kaum Schnee.

Also mal wieder nach Täsch und faul wie immer mit dem Alpentaxi nach Täschalp. Der Fahrer erinnerte sich sogar an uns, zumindest an meine Stimme meinte er. Kein Wunder, meine Stimme hört man ja auch oft. Gemütlich zur Hütte gewatschelt und einen ersten Blick zum Grat hoch erhascht. Oder auch nicht. Dick in Nebel gehüllt mussten wir zähneknirschend feststellen, dass der Grat heute noch bestimmt keine Sonne abbekam.

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So sähe der Rotgrat ohne Schnee aus. Links oben sieht man den Quartzturm. Man sieht, fast senkrecht der "Grat".

Nach dem Abendessen lichtete sich der Nebel und wir konnten mit Jeannines neuem Feldstecher den Grat absuchen. Und da war doch noch einiges an weissem Zeugs. Immerhin konnten wir die Route gut ausspähen, auch wenn uns klar ist aufgrund des Führers, die Route ist nicht einfach zu finden. Der Grat ist nämlich nicht wirklich ein Grat, es ist eher eine Wand, somit gibts keine Klare Linie und der Blick nach oben ist auch meist verbaut.

Um 3 aus dem Bett, um 20 vor 4 gings los. Wie immer musste Jeannine warten bis der alte Mann seine Stuhlgänge und Tape-orgien hinter sich gebracht hatte. Nach einer knappen Stunde waren wir bereits auf dem Wyssgrätli auf welchem wir nun ca. eineinhalb Stunden kraxeln mussten. Meist einfaches 1er-2er Gelände. Langsam schlich sich Tageslicht in unsere Stirnlampenlichtkegel und wir merkten, dass das Grätli doch recht Steil war nach links und rechts und wir vielleicht doch mal ans Seil gehen könnten. Hinter uns sahen wir zwei Lichtkegel, also waren da doch noch andere mit uns auf Tour. Nach dem Wyssgrätli kommt ein Firnverbindungsgrat mit zwei kurzen Steinstufen. Der Wind war nun bereits herrlich unangenehm und frass sich durch unsere Kleider. Und, zum ersten mal ever, hatte ich kalt. Normalerweise ist das Jeannines Job aber diesmal übernahm ich diesen Part. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es derart kalt wird und soviel Wind hat, miese Planung meinerseits. An der ersten Felsstufe kletterte Jeannine zögerlich und ich begann während des Wartens zu frieren. Ich erklärte ihr, dass dieses Tempo und diese übermässige Absicherung uns niemals in einer vernünftigen Zeit den Grat hochbringen wird. Die Stufen waren 2er Gelände, oben warteten mehrere 3er bis 4er Stellen.

Und da waren wir am Einstieg. Nach 25m müsste der erste Bohrhaken sein, im Schnee irgendwo. Nach meinem Gemötzel über "zu langsam" kletterte nun ich im Vorstieg. Denn wer eine grosse Fresse hat sollte dann besser auch zeigen, dass er es selbst auch kann. Und hoch gings. Durch den Schnee geschrubbt und Griffe ausgegraben, Tritte gesucht und mit Steigeisen und Handschuhen am Klettern. Die ersten 4 Seillängen gingen flott und wir fanden die Haken und wussten Anhand alter Spuren, dass wir wohl richtig sind. Nach der vierten Länge wollte ich Jeannine in den Vorstieg lassen, schliesslich macht das ja auch Spass. Sie kletterte nach rechts und kämpfte sich über eine sehr schwierige Felsstufe nach oben zu einer Schlinge die sie erblicken konnte. Dies alles knapp 10-15m von mir weg. Hinter uns kam nun die zweite Seilschaft. Sie starteten 15min nach uns in der Hütte und haben sich gefreut über unsere Spurarbeit am Grat. Zu viert versuchten wir rauszufinden ob die Routenwahl korrekt war. Denn Jeannine war sich an ihrer Position stehend ziemlich klar darüber, Sie hängt an einem Stand von jemandem der sich vertan hatte. Ich kletterte nach und musste feststellen, dass wir unter einen Überhang kommen würden. Das wäre dann die schwierigste 3er Stelle der Welt, wir waren falsch. Die andere Seilschaft stieg uns erst noch nach, querte dann aber nach links auf der Suche nach der Route und fanden sie leicht links von uns in einem anderen Couloir, eigentlich das welches Jeannine von Anfang an bevorzugt hätte. Wir liessen uns jedoch durch die Spuren in die Irre leiten, Mist. Jeannine musste an der Schlinge abseilen während die andere Seilschaft weiterstieg. Wir waren uns eigentlich recht sicher die würden kurz auf uns warten, wir sahen sie dann nur noch einige Male weiter oben, nix da mit warten. Nicht die feine Art.
Nun stieg ich wieder vor und hetzte nach oben, wollte Tempo machen um aufzuholen und auch um warm zu werden. Nach einer halben Stunde rumstehen war ich gut durchgefroren. Seillänge um Seillänge kämpften wir uns durch den vielen Schnee nach oben, unter uns der Abgrund. Das spezielle an diesem Grat ist wirklich das man sich fast in einer Senkrechten befindet und sich zwischen Blöcken hochschlängelt. Wie sagte doch am Abend zuvor ein Bergführer auf der Hütte zu uns: "Bei diesen Verhältnissen würde ich da nicht hochgehen. Das ist super streng und mühsam, dabei wäre das eine so schöne Kletterei wenn der Grat trocken ist." Tja.

Nach einigen Seillängen mit vollgas war ich endlich in der Sonne und konnte mich aufwärmen. Also lies ich Jeannine wieder den Lead übernehmen, frieren konnte ich ja nicht mehr. Zwei kurze Abschnitte später erblickten wir den Quartzturm welcher das Ende der Kletterei markiert. Wir sahen uns an und lachten "Wo zum Teufel war die 4er Stelle?". Ahja, das lachen war auch bei mir wieder drin, nachdem es mir doch gut vergangen war. Einen Königreich für eine Daunenjacke mit Ärmeln für meine langen Arme. Mit der Kälte kam auch meine Ungeduld gut zu tragen. Glücklicherweise ignoriert Jeannine mein Gemotze in solchen Momenten (trotzdem ist der kleine Schraubkarabiner kacke ;-)). Der Abschnitt war auch schnell geklettert und oben angekommen schauten wir uns um und waren uns sicher, dass muss der Quartzturm sein. Überall riesen Quartzblöcke, also ja, wir waren genau oben. Noch kurz ein zwei einfache Aufschwünge welche wir nun mit guter Laune überstiegen.

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Der Blick nach unten auf Höhe Quartzturm. Unten sieht man unsere Spur zum Einstieg (400m tiefer).

Danach noch eine kurze aber Steile Querung in einem Firnfeld. Nicht mein liebstes Hobby. Jeannine reichte mir mein Eisgerät vom Rucksack und so konnte ich vorsteigend im Nordwandstil mich mit zwei Pickeln sichern während ich Tritte in den Schnee trieb. Sie konnte dadurch gut stehend überwachen was ich mache während ich mich dank den zwei Pickeln besser halten konnte. Anstregend wie immer aber zack waren wir oben und da war auch schon der Alphubel Gipfel, unspektakulär wie eh und je. Letztes Jahr rannten wir auf dem Normalweg in 3 Stunden auf den Gipfel. Diesmal warens 8.20h. Wir hatten die Vorgabe nicht ganz geschafft. Bei diesen Verhältnissen aber kein Wunder und wenn man den üblen Versteiger abzieht waren wir doch immer noch in der Zeit.

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Im Alphubeljoch stoppten wir und verpflegten uns kurz während der Wind uns unerbittlich um die Ohren zog. Nun der schlimmste Teil der Tour, der Gegenanstieg auf den Feekopf. Knapp 100m nach oben, fast flach, aber nervtötend da völlig unnötig. Letztes Jahr setzten wir uns auf dem Feekopf hin und genossen eine Stunde lang die Sonne, diesesmal gings gleich weiter. Jeannine kletterte die ersten 15m gesichert nach unten und dann kommt wie immer mein Part, das mehr oder weniger freie abklettern ohne Sicherung. Nach nun bald 10h nicht unbedingt das was man noch machen will. Also nochmals volle Konzentration. Das kleine Grätchen des Feekopfes zieht sich unglaublich in die Länge wenn man schon Müde ist. Beide verfluchten wir den Grat lautstark und lachten ob unserer Laune. Dann noch runterlaufen auf dem Normalweg des Allalinhorns und über ein paar Skipisten in Richtung Station Mittelallalin. Die letzten Meter wollten kein Ende nehmen. Die Station kam näher, aber nicht wirklich.

Eine kurze Randnotiz. Ich vergass meinen Pickel beim Eingang der Station und die Betreiber sandten mir den Pickel mit der nächsten Bahn nach. Aber dieser Pickel und ich haben nun ein schon einiges erlebt und meist hat es damit zu tun, dass er weg will von mir =).

Das war nun unsere "Einführungstour 2016". Im Silbernagel wird die Tour als E4 (Ernsthaftigkeit) angegeben. Mit diesen Verhältnissen bestimmt ein E5 und auch kein ZS+ mehr. Wohl etwas vom schwierigsten was ich bisher gemacht habe. Spass hats gemacht, Nerven hats gekostet und ich brauche endlich eine Daunenjacke, auch im Juli wirds kalt. Ansonsten bleibt nur noch zu sagen, Sorry Jeannine für das gemötzel und irgendwann muss ich lernen mit meiner Ungeduld umzugehen.