Gross Furkahorn ESE-Grat
Neues Jahr, selbes Hobby und dasselbe Problem. Wo hats noch wie viel Schnee und wo sind die Hütten bereits offen.
Juni ist doch meist eher früh für eine Hochtour zu Fuss, aber Geraldine und ich liessen uns davon nicht abschrecken. Das Gross Furkahorn war bereits letztes Jahr auf meinem Radar und bot sich, dank einem kurzen Zustieg an.
Leider war die Sidelenhütte bereits ausgebucht, also nahmen wir mit dem Hotel Tiefenbach vorlieb, inklusive eines eineinhalb Stündigen Zustieges.
Mit dem Auto hoch, Busse fahren noch nicht. Und dann einen Blick auf unser Ziel geworfen und sogleich erkannt, im Abstieg erwartet uns ein Schneefeld das sehr schwer einschätzbar ist. Mit einem unsicheren Gefühl gings ins Bett.

Unser Ziel, mit dem Einstieg markiert. (Von der Sidelenhütte aus fotografiert)
Um vier Uhr gabs Frühstück und knapp vor fünf machten wir uns, ab der Passhöhe auf den Weg. Es ging direkt im Schnee los, der war zwar nicht gefroren, aber er trug uns einigermassen. Nach 1.5h erreichten wir den Einstieg. Es beginnt mit einer 4c Seillänge, was für ein Kaltstart. Mit nassen Sohlen, machte ich mich an die Arbeit. Der erste Haken ist noch Plaisir und unnötig. Der zweite ist perfekt am oberen Ende einer nach rechts geneigten Verschneidung, in der man sich piazzend hochdrücken kann. Bis hierher, kein Problem. Doch der folgende Zug, über den leicht abdrängenden Knubbel, macht mehr Mühe. Erstmal ein wenig den Fels abtasten und nach Tritten suchen. Nicht viel zu sehen. Nach einigem Zögern, lehnte ich mich nach links in die Verschneidung, drückte die Füsse nach rechts gegen die glatte Wand. Leicht zittrig ob der nassen Sohlen, aber siehe da, es hielt und ich erreichte den nächsten Bolt. Auch hier sehr plattig und speziell zu klettern. Der Fels war immer noch kalt von der Nacht und als erste Seillänge echt lustig.
Dann kam Geraldine, leicht vor sich hin fluchend, die Wand hoch. Sie bedankte sich bei mir, dass ich den Vorstieg gemacht hatte, was ich lachend quittierte. Es ist bestimmt kein Nachteil gross zu sein, in solchem Gelände.
Ab in die zweite Seillänge, ebenfalls 4c aber bedeutend einfacher. Kurz nach links weg und um die Gratkante herum. Die Bewegung um die Kante hat es zwar in sich, aber mit ein wenig Mut klappt das schon. Die Bolts sind nicht gerade grosszügig gesät, jedoch kann gut mit Schlingen und Keilen abgesichert werden. Mein guter Kopf scheint auch in diesem Jahr dabei zu sein. Ich kann zur Zeit extrem befreit klettern.

Geraldine in der zweiten Seillänge.
Die folgenden Abschnitte waren dann einfacher. Wir entschieden uns aber, weiter auf Stand zu sichern. Zu unklar ist das Topo und zu oft kamen überraschend schwierige Passagen. In der Zwischenzeit sahen wir unter uns, eine ca. 10 Köpfige SAC Gruppe und eine 2er Seilschaft einsteigen. Nicht alleine, das gibt auch ein wenig Mut für den Abstieg.

Die vor uns liegenden, relativ einfachen Abschnitte.
Eine dieser Überraschungen war dann eine ca. 10m hohe feine Platte. Einzig nach etwa 4m wartete ein Bolt, ansonsten, nichts. Die einzige Möglichkeit zu kletteren, Piaz. Sehr kräfteraubend dieser Grat. Also von neuem, mit meinem ganzen Gewicht gegen die Kante gelehnt und mit den Schuhen nur auf Reibung stehend, hochgepiazzed. Am Bolt, unter schweren Atemgeräuschen eingehängt und weiter ging es nach oben. Einen alten Schlaghaken, nutze ich nach etwa 7m und kurz darauf Stand ich oben auf dem Block.

Der Blick zurück zu G von der Spitze des platting Blocks.
Beim folgenden Stand entschieden wir uns auf die hinter uns kommenden Engländer zu warten. Sie waren eindeutig schneller, also besser passieren lassen.
Nach der Pause musste der sogenannte rote Turm links unten rum gequert werden. Keine grosse Sache. Sogleich, führt die Route zurück auf den Grat. Nun auf beiden Seiten herrlich ausgesetzt, der Kante entlang weiter hoch.
Nach der Pause war ich aber offensichtlich ein wenig disconnected. Meine Füsse rutschen zweimal kurz weg, nur im Nachstieg, aber trotzdem. Und dann hängte ich auch noch das Sicherungsgerät falsch ein. Den Nachsteigenden sichert man auf den Stand, ich hängte das ATC jedoch so ein, als wäre es an meinem Körper. So ist die Reibung des ATC's nicht gewährleistet und das Seil blockiert nicht von alleine. Mir fiel es erst beim aushängen auf, aber danach war ich mir sicher, ich sollte wieder aufwachen. Dazu hatte ich Zeit, da Geraldine die nächste Seillänge vorstieg.
Einige Abschnitte später, erreichten wir einen weiteren, sehr steilen Abschnitt.

Hier sieht man mich unterhalb des Abschnittes am Stand angekommen. Der findige Leser erspäht einen Engländerkopf, oben in der Scharte.

Der Blick vom Stand nach oben. An der Kante zuoberst, kann der einzige Bolt entdeckt werden.
Zuvor, sah ich von weitem die Engländer an dieser Stelle kämpfen. Erst im dritten Anlauf, schien es dem Vorsteiger zu gelingen. Ich sicherte mit einem Keil einen möglichen Grounder ab und riss mich, wieder piazzend, nach oben. Ein perfekter Zahn wartet dann zum Glück, um mit einer Schlinge genutzt zu werden. Ein wenig weiter oben, noch immer nicht am sicheren Bolt, wollte ich einen weiteren Keil setzen. Nur leider passte keiner. Was macht man in so einem Moment? Man lacht und klettert hoch und sagt dazu "Release the Kraken, man nennt mich den Kraken". Wie bereits gesagt, ein wenig grösser zu sein als die meisten, kann von Vorteil sein.
Nach einer weiteren einfachen Seillänge, warteten nur noch die zwei Gipfelabschnitte. 4c und 4b. Wir entschieden, dass ich beide gleich zusammenhänge und durchsteige. Es geht leicht überhängend los für ca. 5m, ein Bolt muss genügen. Oben auf der Kante, wäre bereits der Stand, aber den liess ich hinter mir, weiter nach oben auf den schmalen Gipfel. Der Gipfel besteht nur aus einer steilen Platte, die wie eine Haifischflosse in den Himmel ragt. Der Stand ist etwa 1m unterhalb eingebohrt. In einer äusserst unbequemen Position, begann ich Geraldine zu sichern. Die Füsse schmerzten und die Waden brannten. Bald schon kam G oben an und ich bot ihr gleich an, Sie in Richtung Abstieg abzulassen.

Meiner einer beim Stand abbauen und am vorbereiten mich abzuseilen. 20 Minuten in dieser Position, halleluja.
Endlich vom Gipfel weg und die Füsse ein wenig entspannen. Leider nein, das Wetter begann schlechter zu werden, also gleich weiter. Ich baute eine improvisierte Abseilstelle, mit einer Repschnur, zog das Seil durch und warf es runter in die Schneerinne. Die Rinne, welche uns seit dem Vorabend Sorgen bereitete. Steil abfallend und exponiert.

G beim abseilen in die Rinne.
Geraldine ging zuerst, bereits mit den Steigeisen an den Füssen. Ich folgte sogleich, nahm das Seil auf und begann in den Spuren von G mit der Querung des Schneefeldes. Da wir bäuchlings auf dem Schnee abstiegen, wurden die Hände vom nassen Schnee tangiert. G bediente sich meiner Handschuhe, Sie hatte ihre vergessen. Zum Glück bringe ich immer 2 Paar mit. Ich querte unter ihr durch und begab mich zu den sicheren Felsen hin. Da waren auch die Engländer und begannen abzuseilen. Ich hatte ihnen bereits vom Gipfel zugerufen, dass sie auf dem falschen Weg runter waren. Mehrfach mussten wir sie auf die korrekte Route hinweisen.

Der Blick von unten auf den Abstieg, mit der ungefähren Abstiegsroute.
Nun begann ein unsägliches Abseil Spiel. Die ersten zwei Schlingenstände waren ja noch OK. Ich entdeckte auch den besten Stand um auf das untere Schneefeld zu gelangen. Die Briten waren da aber bereits nach links, an einen anderen, weit schlechteren Stand ausgewichen. Unser 50m Seil reichte ganz knapp nicht auf den Schnee und G wollte kein Risiko eingehen. Also schlossen wir uns den Briten an. Es wäre rückblickend besser gewesen Sie abzulassen, um anschliessend mich selbst abzuseilen und das Seil zu verlängern. Aber eben, rückblickend.
Es folgten drei weitere Abseilstellen, wobei die dritte richtig hässlich war. Eine kleine Schuppe in einem überhängenden Spalt, war der Stand. Die beiden Engländer hingen bereits daran, also blieb ich solange ich konnte, noch von oben gesichert an unserem Seil. Als ich das Seil endlich freigeben konnte, kam G dazu. Ich übergab ihr direkt das Seil der Briten, sodass Sie gleich weiter nach unten konnte. Ich band unser Seil an mir fest, zog es von oben ab und warf es nach unten. Ich hatte keine Nerven mehr lange zu warten. Zu unsicher erschien mir der Stand und ich wollte weg. Einige Momente später konnte auch ich mich abseilen und tadaaaa auf dem sicheren Schneefeld.
Von da ist es dann noch ein leichtes nach unten zurück zum Einstieg und weiter zum Auto.
Eine spannende Tour, relativ früh im Jahr. Alles in allem aber Top, ausser vielleicht der Abstieg.