Piz Bernina
Bernina via Biancograt
Am Ende einer grandiosen ersten Hochtouren Saison entschieden Jeannine und ich es wäre doch noch etwas Zeit für einen glorreichen Abschluss. Also mal kurz überlegt und entweder Jungfrau oder Biancograt war das Resultat. Beides eine ZS bis ZS+ Tour welche wir uns durchaus zutrauten. Der Biancograt war aber klar unser Favorit (Kindheitsträume sind hald schon was tolles).
Wetter abgeklärt und bäääm super Verhältnisse für ca. 4 Tage am Stück. Keine Wolken, nur Sonnenschein. Also was soll da schon schief gehen.
Also hopp hopp am Donnerstag hoch in die Tschiervahütte bei genau diesem super Wetter. So weit so gut. Zweitletzter Tag an dem die Hütte noch offen ist. Nur noch ein Bergführer mit einem Ultra Alpine Läufer als Gast die ebenfalls über den Bianco hochwollen. Was will man mehr, tolles Wetter, alleine unterwegs... what could possibly go wrong.
Nach einer unruhigen Nacht (Jeannine hatte es nicht so mit träumen) gings um vier Uhr los. Ca. 15min vor uns der Bergführer und sein Gast. Stockfinster, kein Mond, nur ein paar Sterne. Den Weg fanden wir einigermassen gut, nicht immer einfach in totaler Dunkelheit die Steinmannli zu erblicken. Den Einstieg zur ersten Kletterpassage hoch auf den Grat war nach einiger sucherei auch bald gefunden und das kraxeln ging los. Erste Ausblicke auf dem Grat zeigten uns einige Wolkenschleier in der Ferne mit dem ersten Morgenlicht. Nichts was einen beunruhigen sollte.
Also weiter, die letzten Passagen überklettert und da war er nun, der Biancograt. Jeannine ging vor und erfüllte sich so den Traum auf der weissen Himmelstreppe empor zu steigen. Als wir auf dem Vorgipfel dem Piz Bianco eintrafen sahen wir, dass sich über dem Bernina Gipfel eine weisse Kappe gebildet hat. Noch war der Gipfel aber sichtbar und ein Rückzug war da noch kein Gedanke wert. Ich kraxelte voran über den Verbindungsgrat welcher herrlich ausgesetzt ist und einiges an Spass versprach. Ca. 15min in das gekraxel (das ganze dauert ca. eine Stunde) kam der Wind auf, immer stärkere Böen frassen sich in unsere Kleider und Trieb uns ersten Schnee und gefrohrenen Nebel ins Gesicht.
Und dann der erste Schreckmoment. Mit klammen Fingern hielt ich mich im Schnee am Pickel fest und stieg einige Meter ab. In der Hälfte wechselte ich zurück auf den Fels und verstaute meinen Pickel wieder zwischen Rucksack und Rücken. Dachte ich zumindest. Eine Bewegung weiter spührte ich den Pickel weggleiten und er verabschiedete sich nach unten. Doch, er blieb ca. 3m unterhalb der Schneegratkante stecken. Nach einem herzhaften "FUCK" kletterte ich weiter und begann Jeannine am Stand zu sichern. Ihr Gesichtsausdruck war nicht nur Aufgrund des Eises in ihrem Gesicht alles andere als fröhlich. Ich hockte mich auf den schmalen Grat von ca. 50cm hin und begann mit dem Schlappseil meinen Pickel zu angeln. Zu kurzes Seil, also weiter improvisieren, denn bei soviel Schnee im Grat ist ein Pickel nun wirklich nicht optional. Zwei Expressen zusammengehängt mit einem zusätzlichen Schraubkarabiner und weiter geangelt. Langsam zog ich den Pickel an der Haue hoch und tadaaa back in Business.
Nun wurde es aber auch richtig unangenehm. Die Kälte machte uns zu schaffen und ich hatte bisher nur mein Shirt und die Softshell an, aber wer will schon bei Böhen um die 60km/h seine Windjacke auf einem derart schmalen Grat rausgrübeln.
Nach 6 Stunden standen wir auf dem Piz Bernina. Viel Zeit zum uns freuen blieb uns nicht. Wir wussten die Verhältnisse haben uns verarscht und wir mussten schauen, dass wir da rauskamen. Über den Spallagrat gings rasch nach unten in Richtung Marco e Rosa Hütte (Winterraum only, das wussten wir bereits). Im Abstieg liessen wir dann eine Abseilstelle aus und gingen durch ein mit Schnee gefülltes Couloir nach unten.
Wie wir nun merkten hat sich das schlechte Wetter weiter gesenkt und wir waren in einem Whiteout gefangen. Wir wussten dank unserer Planung, dass wir ca. 30min bis zur Hütte brauchen werden. Ich versuchte den Spuren zu folgen und sie nicht aus den Augen zu verlieren. Nach einiger Zeit rief Jeannine "Ich denke wir sollten die Hütte bald sehen". Meine Antwort "Jep, da vorne kommen glaub ich Felsen, ich seh was dunkles... oh das ist die Hütte". Aus dem nichts war sie vor uns. Wir waren wirklich in einem Whiteout, shit.
Erstmal versuchen die Tür zum Winterraum auftreten, eingefroren. Endlich drinnen, endlich aus dem Sturm raus und endlich mal wenigstens ein bisschen hinsetzen und was essen. Jedoch war unsere Stimmung eher angespannt, wir wussten ja, dass die Bellavista Querung, der Abstieg über die Fortezza und die Querung des Persgletschers noch warteten. Zwischen durch sahen wir südseitig aus dem Fenster und konnten erkennen, dass der Nebel des Sturms hinter der Berninakette aufplatzt. Das liess uns vermuten, dass die Störungszone nicht weit nach unten reicht und wir vieleicht Glück haben könnten und bei einem weiteren absteigen wieder aus dem Whiteout rauskommen.
Auf Jeannines Uhr haben wir den GPS Tracker eingstellt um im Notfall zur Hütte zurückzufinden. Dazu entschieden wir uns, dass ich die gesammte Querung bis zur Fortezza die Spur suche und führe, damit Jeannine nicht einsinkt und so mehr Kräfte sparen konnte. Dies da ich sowiso mit meinem Gewicht sowiso immer einsinke, ob sie spurt oder nicht. So dachten wir können wir insgesamt am meisten Kräfte aufsparen die sie dann an der Fortezza einsetzen kann.
Gleich nach der Hütte senkt sich die Route nach unten. Zwischendurch verlor ich die Spur praktisch aus den Augen und versuchte Krampfhaft die verwehten Spuren zu erkennen. Nach ca. 15-20min waren wir plötzlich aus der Suppe raus und sahen in Richtung Morteratsch Gletscher runter. Das machte uns Mut und wir gingen weiter. Bald darauf begann die Spur wieder anzusteigen, zurück nach oben in den Whiteout. Zwischendurch begann ich mit dem GPS auf dem Handy und OpenStreetMaps unsere Position zu überprüfen. Glücklicherweise ist die ungefähre Route in dieser App eingetragen und ich konnte so mir selbst mehr Mut machen, dass wir uns nicht verrirt haben. Nach einiger Zeit plagten Jeannine dann starke Bauchschmerzen die sie auf meine eher unwirsche Aufforderung hin bekämpfte in dem sie sich neben die Spur erleichterte. Sorry an alle die am nächsten Tag nach uns da lang kamen, aber das ging nicht anders. Mitten in der Spalten und Abbruchzone wäre es zu gefährlich gewesen sich ohne Sicht zu entfernen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit begann die Spur sich links nach unten zu neigen und mein GPS lies mich auch erahnen, dass es auf den Fortezza Grat zuging. Und zack, wir waren aus der Suppe auf dem von uns bereits im Frühjahr erkletterten Grat.
Kurze Pause, durchschnaufen, neu planen. Der Abstieg über den Grat ging gut. Jeannine stieg dank ihren guten Kletterfähigkeiten Problemlos alles ab, bis auf die letzte Stelle über welche sie sich abseilte. Und dann klemmte das elende Seil beim abziehen... In eine Richtung ging gar nichts, in die andere kam das Seil unter grosser Anstrengung langsam runter. Plus, eine Express mussten wir auch zurücklassen, aber an einem solchen Tag, was solls.
Die Querung des Pers Gletschers zeigte sich als zu grosse Herausforderung und wir brachen nach ca. einer halben Stunde vergeblicher Versuche ab, da uns die Zeit nicht mehr reichen würde in die Diavolezza zu kommen um mit der Seilbahn ins Tal zu fahren. Also, zurück über die Isla Pers, hinten runter auf den Morteratsch Gletscher und raus raus raus. Unterwegs dann endlich mal noch die Angehörigen verständigt, dass wir durchaus wohlauf sind aber noch im Abstieg.
Die letzte Hürde war dann noch vom Gletscher runter zu kommen. Dies machten wir aber ohne noch gross zu zucken, zuviel hatten wir schon erlebt an diesem langen Tag.
Innert knapp 30min waren wir an der Haltestelle Morteratsch, überfielen das Hotel und deckten uns mit Getränken ein. 14 Stunden dauerte der Ausflug und hat uns einiges an Nerven und Kraft gekostet.
Tja, viele Erfahrungen wurden gemacht. Bespielsweise, sag deinen Angehörigen falls du auch unterwegs nochmals schlafen könntest und du deshalb doch nicht Freitags zurück bist. Oder, steck den Pickel richtig hinter den Rucksack du Depp. Und noch einiges mehr.
